Spiegelmoleküle: Nobelpreis für Chemie geht an Forscher aus Frankreich und Japan
Der diesjährige Nobelpreis für Chemie geht an den französischen Forscher Henri Kagan und seinen japanischen Kollegen Kenso Soai. Mit der Auszeichnung solle die Forschung der beiden 95 und 76 Jahre alten Wissenschaftler zur "asymmetrischen organischen Synthese" gewürdigt werden, teilte das das Nobelkomitee am Mittwoch in Stockholm mit. Ihre Erkenntnisse spielten etwa für die Pharmaindustrie eine bedeutende Rolle.
Kagan und Soai hätten ein "über hundert Jahre altes" Rätsel gelöst, erklärte das Nobelkomitee. Ihre Erkenntnisse seien "von enormer Bedeutung für Chemiker, die Reaktionen für Anwendungen wie die pharmazeutische Produktion entwickeln".
Konkret gehe es bei ihren Forschungen um chemische Reaktionen bei sogenannten Spiegelmolekülen. Wie Hände existieren Moleküle wie in Aminosäuren in zwei gespiegelten Varianten, doch nur eine davon kommt in den Proteinen in den Körperzellen vor. Die andere wird in der Natur nur selten gefunden – ein Phänomen, das als "Homochiralität" bekannt ist.
"Henri Kagan und Kenso Soai haben eine Lösung für ein über hundert Jahre altes chemisches Rätsel geliefert: wie Homochiralität spontan entstehen kann", sagte der Vorsitzende des Nobelkomitees für Chemie, Heiner Linke, vor Journalisten. "Die chemischen Reaktionen, die sie entwickelt haben, sind spektakulär."
In einer Erklärung der Akademie heißt es, dass die "Moleküle des Lebens den Chemikern das Leben schwer machen". Sie verglich das Problem mit einem Schlosser, der Schlüssel nach Maß anfertigt, aber jedes Mal, wenn er sie produziert, erhält er zwei spiegelbildliche Varianten. "Nur einer von ihnen passt ins Schloss – und das Schloss kann beschädigt werden, wenn Ihre Kunden versuchen, es mit dem anderen Schlüssel zu öffnen."
Ein Beispiel für die potenzielle Gefahr der Verwendung der falschen Variante war der Contergan-Skandal Anfang der 1960er Jahre, als tausende Kinder mit Geburtsfehlern zur Welt kamen. "Als die Forscher analysierten, was geschehen war, stellten sie fest, dass das Spiegelbild der aktiven Substanz den Schaden verursacht hatte", erklärte die Akademie.
Durch die Arbeiten, die Kagan und Soai in den 1980er und 1990er Jahren ausführten, konnten Chemiker verstehen, wie chemische Reaktionen so gesteuert werden können, dass nur eine Seite des Spiegelbildes entsteht.
Der 95-jährige Kagan war bislang beim Nobelpreis leer ausgegangen. Im Jahr 2001 wurde der Chemiepreis an William Knowles, Ryoji Noyori und Barry Sharpless für ihre bahnbrechende Arbeit auf dem Gebiet der asymmetrischen Katalyse verliehen. Das löste Kontroversen aus - viele französische Chemiker waren empört über das Fehlen des Mannes, der international als "Vater" dieser Technik gilt.
Kagan ist emeritierter Professor an der Universität Paris-Saclay in Frankreich; der 76-jährige Soai ist Professor an der Tokioter University of Science. Es sei einer "der aufregendsten Tage meines Lebens", sagte Soai, der gerade einkaufen war, als er den Anruf aus Stockholm erhielt. Kagan konnte das Komitee nicht telefonisch erreichen.
Im vergangenen Jahr waren drei Wissenschaftler aus Japan, Jordanien und Großbritannien für die Entwicklung metallorganischer Gerüste mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet worden.
Begonnen hatte der diesjährige Nobelpreis-Reigen am Montag mit der Bekanntgabe des Medizin-Nobelpreises, der unter anderem an zwei deutsche Forscher ging. Am Dienstag folgte die Verkündung des Physik-Nobelpreises.
Am Donnerstag wird der Nobelpreis für Literatur verkündet. Nach der Auszeichnung des ungarischen Autors László Krasznahorkai im Vorjahr könnte die Schwedische Akademie diesmal auf eine Frau setzen. Experten spekulieren auf eine Preisträgerin aus Lateinamerika. Die Schwedische Akademie stand lange wegen ihrer Konzentration auf männliche, westliche Autoren in der Kritik.
Am Freitag wird dann der Friedensnobelpreis verkündet. Den Abschluss des Nobel-Reigens bildet die Bekanntgabe der Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaften am Montag.
Der Nobelpreis ist in diesem Jahr mit zwölf Millionen schwedischen Kronen (gut eine Million Euro) dotiert. Verliehen werden die Auszeichnungen am 10. Dezember, dem Todestag von Preisstifter Alfred Nobel.
R.Kontogeorgis--AN-GR